Alle zwei Minuten wird in Deutschland ein Mensch Opfer von häuslicher Gewalt. Über 70 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Um ihnen zu helfen hat myProtectify den Hilfe-Chat “Maya” entwickelt.
“Wenn du Gewalt in deiner Beziehung erlebst, hilft es, jemanden an deiner Seite zu haben.” Dieser Satz steht zentral auf der Homepage von myProtectify. Das Start-Up hat einen Chatbot entwickelt, um Betroffenen von häuslicher Gewalt zu helfen. “Unser Hilfesystem hat enorm große Lücken. Wenn ich bei einem Hilfetelefon anrufe, kann es passieren, dass ich in der Warteschleife stecke. Termine bei Beratungsstellen sind schwer zu bekommen, weil es zu wenige gibt. Unser Ziel ist es, dass Maya sofort und immer zur Verfügung steht und hilft”, sagt Ann Rheinheimer, CEO von myProtectify.
Immer und überall erreichbar
Der Chat ist rund um die Uhr erreichbar und kann in verschiedenen Sprachen genutzt werden. Er bietet emotionalen Support, hört zu und beantwortet Fragen, ohne die Person zu bewerten. Maya vermittelt Wissen über Formen von Gewalt und zeigt, welche weiteren Hilfsangebote die Person nutzen kann oder welche Schritte nötig sind, um sich aus der Partnerschaft zu befreien. “Ich habe selbst erlebt, wie schwer es ist, sich aus einer Gewaltbeziehung zu befreien. Ich hätte mir gewünscht, nachts jemandem schreiben zu können – ohne Angst bewertet zu werden. Einfach jemanden wie Maya, die da ist und die sagt, es ist nicht deine Schuld”, sagt Sogol Kordi, Gründerin von myProtectify.

Foto: myProtectify/Armin Oehmke
Für Betroffene sei es schwierig die ersten Anzeichen von Gewalt zu erkennen. “Es fängt immer schleichend an. Oft mit psychischer Gewalt, Manipulation, Isolation und dann körperliche Übergriffe. Maya soll bereits bei den ersten Anzeichen helfen, damit die Frauen frühzeitig erkennen, in welcher Situation sie sind und sich Hilfe zu suchen können, bevor ihr Leben in Gefahr ist”, sagt Rheinheimer. Die KI zieht ihre Informationen aus einer Wissensdatenbank, die myProtectify mit einer Psychologin erstellt hat und laufend aktualisiert wird.
Sicherheit hat oberste Priorität
Alle Informationen, die in den Chat geschrieben werden, bleiben anonym. Die Person muss keinen Namen, E-Mail-Adresse oder ähnliche Daten eingeben. Es muss keine App installiert, sondern nur eine Website aufgerufen werden. Die Nutzer:innen werden gebeten, in den Inkognito-Modus zu wechseln, um keine digitalen Spuren zu hinterlassen. “Gewalt ist mit sehr viel Angst und Scham verbunden. Die Betroffenen müssen sicher sein, dass sie Maya sicher nutzen können”, erklärt Rheinheimer. Wie groß die Scham ist, zeigen auch die Ergebnisse der aktuellen Studie “Lebenssituation Sicherheit und Belastung im Alltag”, die die Bundesregierung im Februar veröffentlicht hat. Obwohl fast jede sechste Person schon körperliche Gewalt in der Partnerschaft erlebt hat, wird nur selten Anzeige erstattet. Nur rund drei Prozent der betroffenen Personen haben Übergriffe angezeigt.
Häusliche Gewalt darf kein Tabu sein
“Wir wollen erreichen, dass das Thema kein Tabu mehr ist. Die Betroffenen sind nicht schuld daran, die Täter:innen sind es, die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen müssen”, so Rheinheimer weiter. Maya solle auch erreichen, dass offener über häusliche Gewalt gesprochen wird und Frauen wissen, wo sie Sicherheit finden.