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Der feem blog

Kategorie: Interview

AinoAid – Wie ein Chatbot bei häuslicher Gewalt helfen kann 

Häusliche Gewalt erreicht 2024 einen neuen Höchststand: Über 265.000 Menschen sind betroffen – ein Anstieg der angezeigten Straftaten um knapp vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Über 70 Prozent der Opfer sind Frauen. Um den Betroffenen zu helfen, hat ein EU-Forschungsprojekt AinoAidTM entwickelt. 

Stefanie Giljohann ist Diplom-Psychologin und forscht in der Polizeiforschung und Kriminologie. Ihr Fokus liegt auf den Themen Gewaltprävention und polizeilichem Veränderungsmanagement. Als Wissenschaftlerin hat sie gemeinsam mit Forscher:innen aus acht europäischen Ländern unter anderem den Chatbot AinoAidTM entwickelt. Im feem-Interview spricht sie über häusliche Gewalt. 

feem: Stefanie, du forschst u.a. zu häuslicher Gewalt. Warum machst du dieses Thema zum Gegenstand deiner Arbeit? 

SG: Häusliche Gewalt ist leider ein allgegenwärtiges, tiefgreifendes Problem. Man denkt vielleicht: Es sind nur die anderen betroffen; in meiner Familie/meinem Umfeld passiert das nicht. Aber wenn wir genau hinschauen und hören, werden wir sicher feststellen, dass wir alle jemanden kennen, der Gewalt erlebt hat oder davon betroffen ist. Ich spreche da von Gewalt in allen Formen, auch psychischer Gewalt. Mich treibt an, diesem Problem systematisch auf den Grund zu gehen und daraus neue Lösungswege abzuleiten. Mit meiner Forschung will ich dazu beitragen, dass das Thema präsenter wird und die Opfer Unterstützung bekommen. 

feem: Sind Frauen oder Männer stärker von häuslicher Gewalt betroffen? 

SG: Die Statistiken zeigen eindeutig, dass Frauen häufiger Opfer von Gewalt sind. Männer sind aber auch betroffen. Die Gewalt sieht anders aus, aber das bedeutet nicht, dass sie weniger schlimm ist. Zudem kommt auch noch, dass Männer aus Scham noch viel seltener darüber sprechen oder sich Hilfe suchen. 

feem: Was sind die größten Barrieren für Opfer häuslicher Gewalt, Unterstützung zu suchen? 

SG: Wer Hilfe in Anspruch nehmen möchte, muss erstmal verstehen, dass ein Problem vorliegt. Einige Betroffene können das Erlebte schwer als das einordnen, was es ist: absolut inakzeptable Gewalt. Denn Täter:innen nutzen ihre Macht aus, um Betroffene auf allen möglichen Ebenen zu kontrollieren, zu isolieren und die Schuld von sich zu weisen. Gleichzeitig verursacht Gewalt immensen Stress. Sie verwandelt genau den Bereich, der Schutz und Nähe bieten sollte, in ein konstantes Bedrohungsumfeld. Viele Betroffene berichten, sie konnten gar nicht mehr klar denken, waren nicht handlungsfähig. Bis sich Betroffene Hilfe suchen, dauert es leider in der Regel sehr lange. Zusätzliche Barrieren sind dabei Angst, Scham, fehlende Kenntnisse über das Hilfesystem, fehlendes Vertrauen in diese Strukturen und vieles mehr. 

feem: Wie kann aus deiner Sicht Gewaltprävention gelingen? 

SG: Es ist wichtig, dass die einzelnen Akteure, die Schutz und Hilfe bieten, noch enger zusammenarbeiten. Gewaltprävention kann nur durch Kooperationen zwischen den einzelnen “Organen” funktionieren. Dazu gehören Polizei, Beratungsstellen, Frauenhäuser, medizinisches Personal, aber auch der Bildungssektor und der juristische Sektor.  Es braucht Netzwerke, Kompetenzen und den Willen, alle Perspektiven zu berücksichtigen. Dazu gehört auch, die Täter einzubeziehen. In den vergangenen Jahren ist zwar schon viel passiert, zum Beispiel gibt es an der Universität Münster im Medizinstudium jetzt das Modul “Häusliche Gewalt”, doch auch in Zukunft muss weiter in Ausbildung von Personal und Sicherheitsstrukturen investiert werden.  

feem: Mit AinoAidTM forscht ihr gezielt an einer neuen Lösung, um Opfern von häuslicher Gewalt zu helfen. Was genau ist AinoAidTM?

AinoAidTM ist ein webbasierter, frei zugänglicher Chatbot, der Betroffenen von häuslicher Gewalt hilft, passende Unterstützung zu finden. Die Nutzung ist datensicher und anonym. Der Chatbot beantwortet Fragen und zeigt unterschiedliche Wege ins Hilfesystem auf. Auch Angehörige oder Fachkräfte, die Betroffene unterstützen möchten, können AinoAidTM nutzen, um Strategien zu finden, wie sie dabei vorgehen können. Außerdem ist es eine Informationsplattform, die für alle nützlich ist, die mehr über häusliche Gewalt wissen wollen. Der Chatbot greift ausschließlich auf die von uns bereitgestellten geprüften Informationen zu. AinoAidTM ist in verschiedenen Sprachen und Ländern verfügbar. Wichtig zu erwähnen ist aber auch, dass dies natürlich nur ein kleines Puzzleteil im System ist und die KI keine Beratung oder gar Therapie ersetzen kann oder sollte. 

feem: Was sind Maßnahmen, die wir in unserem Alltag umsetzen können, um ein stärkeres Bewusstsein für häusliche Gewalt zu schaffen? 

SG: Meine persönliche Strategie ist es, offen darüber zu reden, wie sehr mich dieses Thema beschäftigt. Auch in völlig anderen Arbeitskontexten und ganz privat. Wenn wir häusliche Gewalt nicht in jedem Kontext enttabuisieren, übersehen wir Chancen, sichere Räume zu schaffen. Dabei reichen schon einfache Signale, wie ein Poster oder Flyer im Büro, um zu zeigen: Hier sitzt jemand, der ist bereit, sich mit diesem Problem zu beschäftigen. Gleichzeitig drängen mögliche Lösungswege stärker ins allgemeine Bewusstsein. Um psychologische Sicherheit zu schaffen und Machtstrukturen zu durchbrechen, braucht es einen freundlichen Umgang, Empathie und Fürsorge füreinander. Jede Person muss sich gesehen fühlen. Nur dann kann sie vertrauen. Vielleicht mal die Kollegin, Nachbarn oder Oma des Spielpartners deines Kindes im geschützten Gespräch fragen, ob alles in Ordnung ist, wenn du das Gefühl hast, dass etwas nicht stimmt. Das ist nicht übergriffig. Genau da fängt für mich Gewaltschutz und unsere eigene gesellschaftliche Verantwortung an. 

AinoAidTM ist über diesen Link abrufbar: https://ainoaid.fi/de-de.  

AinoAid™ ist Teil des von der EU finanzierten Projekts IMPROVE zur Bekämpfung häuslicher Gewalt. IMPROVE entwickelt Instrumente zur Verbesserung der Aufdeckung von häuslicher Gewalt und der professionellen Unterstützung der Betroffenen, wie auch eine Trainingsplattform zur Förderung von Wissen und Kompetenzen in verschiedenen Sektoren (https://training.improve-horizon.eu/de/). 


Lisa Gerth, 19. August 2025