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Der feem blog

Kategorie: Interview

“Brauchen wir das?”

Interview mit feem-Gründer Till Völzke

Mit feem möchte Till Völzke die Welt sicherer machen – mit Selbstverteidigungskursen für Frauen. Warum er als Mann ein Unternehmen für Frauen gegründet hat, was ihm für sein Team wichtig ist und warum Selbstverteidigung positiv assoziiert werden sollte, verrät er im Interview.

Till, du hast über 20 Jahre in der Finanzbranche gearbeitet, davon vier Jahre in einem von dir gegründeten Start-Up für Inkasso-Dienstleistungen. Warum hast du dich dafür entschieden, die Branche zu wechseln?

Ich habe in der Branche in Konzernen und mittelständischen Unternehmen in unterschiedlichsten Positionen gearbeitet. Ich war im Vertrieb, war Manager und Geschäftsführer. 2017 habe ich ein Start-Up gegründet, und die Idee verfolgt, Inkasso neu zu erfinden und zu einem positiven Kundenerlebnis zu machen. Mir war es wichtig, immer freundlich mit den Kund:innen umzugehen und gemeinsam eine Lösung zu finden, damit sie ihre Rechnungen bezahlen können. Im Laufe des Wachstums und der weiteren Finanzierungsrunden mit Investoren habe ich Ende 2020 die Chance gesehen, einen Traum zu verwirklichen: Vom Gründer zum Exit. Somit habe ich mich vor etwa drei Jahren dazu entschieden, der Finanzwelt den Rücken zu kehren und mich einem Thema zu widmen, welches ich zuvor nebenberuflich betrachten konnte: die realistische Selbstverteidigung.

Welche Herausforderungen sind dir beim Gründen deines Start-Ups begegnet?

Die Herausforderungen sind nach drei Jahren immer noch dieselben, wie am Anfang. feem ist darauf spezialisiert, Selbstverteidigung für Frauen im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements in Unternehmen anzubieten. Die Zielkunden und deren Verantwortliche müssen erstmal wissen, dass es uns überhaupt gibt und, dass Selbstverteidigung ein Teil des BGM sein kann. Heute gehört Ernährung oder Rückenschule ganz selbstverständlich dazu, aber Selbstverteidigung und die Auswirkungen auf die Gesundheit – sowohl physisch als auch mental – kennt in diesem Zusammenhang kaum jemand.

Wie wirkt sich Selbstverteidigung genau auf die Gesundheit aus?

Selbstverteidigung gibt Sicherheit. In unseren Kursen lernen die Teilnehmerinnen, wie sie schwierige Situationen erkennen und dann handeln können. Das wirkt sich enorm auf das eigene Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein aus. Wenn du weißt, was du kannst, strahlst du es aus! Die Frauen fühlen sich dadurch sicherer in der Geschäftswelt und in ihrem Alltag. Davon profitieren auch die Unternehmen, denn nur gesunde Mitarbeiterinnen sind gute Mitarbeiterinnen.

Till beschäftigt sich schon viele Jahre mit Selbstverteidigung. Für feem ist er auch als Trainer im Einsatz.

feem steht für “Female Empowerment” und richtet sich explizit an Frauen. Warum gründet ein Mann ein Unternehmen für Frauen?

Ich habe die Finanzbranche gegen eine Mission getauscht, die mir persönlich am Herzen liegt: Female Empowerment. Laut Statista haben sich die polizeilich erfassten sexuellen Übergriffe auf Frauen von 2010 bis 2021 mehr als verdoppelt. Gewalt gegen Frauen richtet sich oft gegen die sexuelle Selbstbestimmung oder wird als Mittel eingesetzt, um Macht zu missbrauchen. Als jemand, der nebenberuflich viele Jahre im Bereich der Selbstverteidigung aktiv war, hat dieser Fakt etwas in mir ausgelöst: Handlungsdrang. In der Vergangenheit habe ich bei Selbstverteidigungskursen häufig erlebt, wie Frauen über sich hinauswachsen – sowohl körperlich als auch mental. Daran möchte ich mit feem anknüpfen und besonders Arbeitgeberinnen dazu motivieren, mehr für die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen zu tun.

Wie reagiert dein Umfeld auf dein Unternehmen?

Die überwiegenden Reaktionen sind positiv, besonders wenn ich erklärt habe, worum es genau geht und welchen Nutzen Selbstverteidigungskurse für Frauen haben. Nur vereinzelt kommen männliche Stimmen wie “Brauchen wir das?”.

Selbstverteidigung wird oft mit Angst in Verbindung gebracht. Wie kann feem das ändern?

Das Problem mit Angst ist, dass viele Menschen nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Angst kann positiv sein, gerade dann, wenn sie als Schutzfaktor eingesetzt wird. Angst kann aber auch hemmen und deswegen versuchen wir mit feem Selbstverteidigung nicht mit negativen Gedanken zu verknüpfen. Wir bei feem helfen unseren Teilnehmerinnen achtsam zu sein und ihre eigene Stärke zu erkennen. Über die Selbstverteidigung hinaus arbeiten wir aus diesen Gründen noch mit Fachexperten aus dem Bereich “psychologische Sicherheit” zusammen. Damit kommen sie gar nicht erst mit Angst oder Gewalt in Berührung kommen.

Was können zukünftige Mitarbeiterinnen von feem erwarten?

Bei feem bekommen Mitarbeiterinnen das typische Umfeld eines Start-Ups. Sie tragen volle Verantwortung für den Bereich, für den sie zuständig sind. Ich bin davon überzeugt, dass man als Unternehmen nur mit einer modernen Arbeitsweise überzeugen kann. Dazu gehören flache Hierarchien, Softwaretools und volle Flexibilität. Ich schaue mir nicht den Lebenslauf von Bewerberinnen an. Mir ist viel wichtiger, dass sie von feem überzeugt sind. Ich zähle auf Empathie, Willenskraft und den Ehrgeiz, Dinge zu verbessern.

Wann ist feem für dich erfolgreich?

feem ist für mich erfolgreich, wenn schon eine einzige Frau aus einer schwierigen Situation herausgekommen ist. Meine Vision ist es, dass jede Frau die Möglichkeit für einen Selbstverteidigungskurs von feem bekommt, wenn sie einen neuen Job beginnt. Hier sind die ArbeitgeberInnen gefragt.

Über Till:

Till ist in Schleswig-Holstein geboren und in Hamburg aufgewachsen. Heute lebt er in Lippstadt (Nordrhein-Westfalen). Nach einer kaufmännischen Ausbildung war er die letzten 20 Jahre im Finanzmanagement u.a. im Vertrieb und Management tätig. 2020 konnte er seine Firmenanteile am ersten Startup erfolgreich verkaufen. Seit fast 30 Jahren unterrichtet er Selbstverteidigung. Mit der Gründung von feem setzt Till neue Impulse im Bereich realistischer Selbstverteidigung. Der gesamtheitliche Ansatz ermöglicht den Kundinnen eine positive Erfahrung im Umgang mit einem emotionalen und gesellschaftlichen Thema.


Lisa Gerth, 6. Juni 2023